
Vom Zauber des Anfangs
NOVO Quartet, Dienstag, 9. Dezember 2025, 19:30 Uhr, Meistersingerhalle
Das NOVO Quartet, das am Abend des 09.12.2025 auf Einladung des Privatmusikvereins in der Kleinen Meistersingerhalle gastierte, trägt in seinem Namen, was sich seit der Gründung 2018 mehr und mehr als Programm herausstellt: Das Neue in all seiner Offenheit bestimmt den Weg von Kaya Kato Moller (Violine), Nikolai Vasili Nedergaard (Violine), Daniel Śledziński (Viola) und Ebstrup Bitsch (Cello). Neu und durchaus originell erscheint z.B. die Zusammenarbeit mit dem ursprünglich japanischen Modehersteller Uniqlo, der vielleicht auch den lässigen Partnerlook der beiden Herren in hellen Leinenhemden und der beiden Damen in Schokobraun sponserte. Verlässt man diesen Nebenschauplatz, erkennt man im NOVO Quartet eines der aufstrebenden, jungen Quartette, das mit 75 Konzerten im Jahr ein enormes Pensum bewältigt, bereits wichtige kammermusikalische Preise eingeheimst hat und als BBC New Generation Artists für 2025-2027 ausgewählt wurde.
Der Abend in der Meistersingerhalle vereint drei Großmeister des Streichquartetts: Haydn, Schostakowitsch und Mendelssohn, die die vorgetragenen Werke in jeweils entscheidenden Lebensphasen komponierten. Joseph Haydn, im Entstehungsjahr (1804) seines op.103 in d-moll bereits 72-jährig und schwer krank, fügt seinem unvollendeten, zweisätzigen Werk hinzu, dass er seine Kräfte schwinden sehe. Heute wird davon ausgegangen, dass er an einer Form der Enzephalopathie litt, die fünf Jahre später auch zu seinem Tod führte. Sein op.103 subsunmiert in den vollendeten zwei Sätzen so ziemlich alle Gefühlslagen, die das Leben bestimmen: Heiterkeit, Melancholie, Lebensfreude und Anflüge von Verzweiflung in enormer kompositorischer Dichte. Die Musiker des NOVO Quartets lassen sich auf die Stimmungen ein, arbeiten sie heraus und schüren so bereits die Vorfreude auf Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr.9 in Es-Dur. Schostakwotisch, zur Zeit des Vorgängerquartetts noch von Selbstmordgedanken geplagt, ist vermutlich glücklich und frisch verheiratet mit seiner dritten Ehefrau Irina Antonovna. Dennoch sprüht dieses Quartett nicht nur vor Glück. Die fünf attacca gespielten Sätze münden in ein Finale, das an formaler Dichte nichts zu wünschen übrig lässt. Jedem der vier Musiker*innen weist Schostakowitsch hier besonders intensive Rollen zu, die die Musiker*innen des NOVO Quartets mit jeweils persönlicher Note versehen und mit äußerster Präzision erfüllen: Einer versonnenen ersten Geige steht da in manchen Passagen eine temperamentvolle, fast zornig zu nennende zweite gegenüber, die aufbegehrende Viola wird vom vermittelnden Cello besänftigt. Ein von den vier jungen Musiker*innen mit großer Einfühlung herausgearbeiteter „Quadrolog“.
Nach der Pause glättet Felix Mendelssohn-Bartholdys Streichquartett op.44/1 in D-Dur endgültig die Wogen. Eröffnet wird es von einem klassisch wirkenden, an Beethoven erinnernden Kopfsatz. Immer wieder kommt in diesem eleganten Werk der ersten, von Kaya Kato Moller mit höchster Konzentration geführten Violine, eine besondere Rolle zu. Manche sahen in op.44/1 eine Vorform eines Violinkonzertes, das in ein brillantes Finale mündet.
Ach, und der Tango gehört nicht nach Dänemark? Jacob Gades „Tango Jalouise“, den das Novo Quartet in seiner Zugabe zum heiteren Ausklang präsentiert, beweist das Gegenteil.
Eine besinnliche Adventszeit und ein frohes Weihnachtsfest wünscht
Ulrike Bauermeister-Bock