
Piano? Forte!
Kotaro Fukuma, Dienstag, 14. April 2026, 19:30 Uhr, Meistersingerhalle
Kotaro Fukuma gehört zu den bekanntesten Pianisten Japans und ist Kulturbotschafter seiner Heimatstadt Kokubunji. Als solcher war er sogar 2020 Fackelläufer der Olympischen Spiele. Unter seinen zahlreichen Auszeichnungen findet sich auch der 1. Preis und der Chopin-Preis beim Klavierwettbewerb in Cleveland 2003. Fukuma spricht fünf Sprachen, darunter auch Deutsch, und hat sich tief in unsere Geistesgeschichte eingearbeitet, beschäftigte sich mit Adorno ebenso wie mit Thomas Mann. Auf dieser Basis verwundert seine geradezu musikphilosophische Programmgestaltung nicht, die er selbst zu Beginn jedes Konzertteils mit bescheidener Liebenswürdigkeit erläutert. Wiener Klassik, Romantik, Spätromantik und argentinische Moderne passen in seinen Augen sehr gut zusammen. Zwischen Beethoven und Schumann erkennt Fukuma motivische Parallelen, in Medtners Klaviersonate spürt er der Verwandtschaft mit Tschaikowsky nach, Ginastera wird von ihm als „etwas avantgardistisch“ eingestuft.
Im gesamten Konzert präsentiert Fukuma jeweils ein op. 22, beginnend mit Beethovens Klaviersonate Nr. 11 in B-Dur und Schumanns Klaviersonate Nr. 2 in g-Moll. Beide Komponisten fordern vom Pianisten exorbitante Technik, was für Fukuma eine geradezu natürliche Selbstverständlichkeit zu sein scheint. Mit selbstbewusster Klarheit greift er beherzt in die Tasten, nichts überlässt er dem Zufall. Alles erklingt mit dynamischer Kraft, „con molto espressione“, und gerade bei Schumann, der Beethoven, wenn man so will, weiterentwickelt, „so rasch wie möglich“. Ob man wohl so schnell hören wie Klavierspielen kann? Auf die Fragen, die Schumann sich kompositorisch zu stellen scheint, weiß Fukuma in jedem Fall Antworten.
Nach der Pause überrascht das Programm mit der Klaviersonate in g-Moll, op.22, von Nikolai Medtner, der zum ersten Mal im Privatmusikverein erklingt. Gegen den Zeitgeist ist die Komposition spätromantisch, beeinflusst von deutscher und russischer Tradition. Medtner, der mit Rachmaninow befreundet war, bleibt wie dieser bei tonalen Strukturen und meidet avantgardistische Ausflüge. Fukuma verleiht dem einsätzigen Werk v.a. in seinen verschatteten Passagen jenen wunderbaren Sog, den auch Rachmaninow oder Skrjabin entfalten können. Der absolute Clou dieses beeindruckenden Klavierabends aber war die Klaviersonate Nr.1 von Alberto Ginastera. Ist es ein Sakrileg, in ihr Verwandtschaft zu Jazz oder Rockmusik herauszuhören? Fukuma läuft hier zur Hochform auf und wirkt danach verständlicherweise auch physisch gefordert. Die Finessen des Werks reizen ihn: Da dürfen Töne im Diskant zersplittern und von poetischer Zurückhaltung wieder aufgefangen werden. Und letztlich wird alles abgelöst von einem enorm fordernden Presto, an dem auch Schumann seine Freude gehabt hätte.
Im Publikum springen einige von den Stühlen, um ihre Bravorufe noch zielgerichteter platzieren zu können und Fukuma spart nicht mit Zugaben. Bei Bachs „Jesu bleibet meine Freude“ holt er Atem für ein heiteres französisches Chanson, das den Pariser April bis nach Nürnberg trägt.
Ulrike Bauermeister-Bock