
Goldener Schnitt
Fibonacci Quartett, Donnerstag, 13. März 2025, 19:30 Uhr, Meistersingerhalle
Die Fibonacci-Folge ist eine unendliche Reihe natürlicher Zahlen, mit der sich Wachstumsvorgänge in der Natur beschreiben lassen. Die Quotienten zweier aufeinanderfolgender Fibonacci-Zahlen nähern sich dem Goldenen Schnitt. Bilder, die sich an der Fibonacci-Reihe orientieren, empfinden wir als besonders ästhetisch. Das in Großbritannien beheimatete Fibonacci-Quartett folgt ihr auf einer Tonspur. Krystof Kohout und Luna De Mol an den Violinen, Elliot Kempton an der Viola und Findlay Spence am Violoncello formen vom ersten Ton dieses herausragenden Konzerts an jenen unsichtbaren, alles überspannenden Klangbogen, der die großen Quartette auszeichnet.
Sie sitzen in einem engen Kreis wie im Zentrum der Fibonacci-Spirale und achten gut aufeinander. De Mols anrührende Mimik formt den hochpräzisen musikalischen Ausdruck exakt nach. Nur bei Haydn gibt sie die Primaria. Bei allen anderen Stücken sitzt Kohout am Pult der ersten Violine. Er ist eine Führungsfigur, wie man sie sich in der Politik mitunter wünschen würde: Kommunikativ zugewandt und doch klar in seiner Entscheidung. Elliot Kemptons warmer Bratschenton sorgt zusammen mit Spences klangschönem Cello für Erdung. Alle vier verleihen derselben Klangvorstellung singulären Ausdruck.
Respektvoll beginnt das Programm mit Joseph Haydn, dem Vater des Streichquartetts. Alle in Opus 76 zusammengefassten Werke sind Berühmtheiten. Wegen seines aufsteigenden Violinthemas des ersten Satzes erhielt op. 76/4 den Beinamen „Sonnenaufgangsquartett“. Bereits hier zeigen die Fibonaccis, was sie können: Äußerste Präzision selbst bei hohen Tempi – da zerbricht auch in der Höhe kein Ton- perfekt austarierte Präsenz aller vier Instrumente und emotionale Tiefe. Auf Haydn folgen drei Komponisten, die die tschechische Heimat eint und damit ein schier unglaublicher Melodienreichtum. Joseph Suk, Schwiegersohn Dvoraks, wird bei uns relativ selten zu Gehör gebracht und zählt doch zu den wichtigsten Komponisten seiner Heimat. Seine „Meditation über den Choral St. Wenceslaus“, op.35a, entstand im Sommer 1914 beeinflusst vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Das innige Bratschensolo zu Beginn markiert den atmosphärischen Gegensatz zu Haydn. Vier kompositorische Episoden entsprechen den vier Choralteilen. In der dritten erscheint die Textpassage „Lass uns und unsere Nachkommen nicht zugrunde gehen“. Eine fromme Bitte, der wir auch in den Wirren der heutigen Zeit wieder besondere Bedeutung beimessen können. Man kann nur hoffen, dass auch für uns am Ende dieser „Zeitenwende“ ein zuversichtliches A-Dur steht. Sowohl Suk als auch Erwin Schulhoff haben Verbindung zu Dvorak. Schulhoff wurde von ihm gefördert. Seine fünf Stücke für Streichquartett sind teilweise ironische Miniaturen. Die Fibonaccis loten hier ihr Spektrum von der feinsten Ziselierung bis zum gewollt kompakten Klang voll aus. Über allem schwebt das tragische Ende Schulhoffs: Er starb als Kommunist, Jude und „entarteter Komponist“ an TBC auf der Wülzburg bei Weißenburg 1942. Nach der Pause demonstrieren die Fibonaccis, dass Smetanas Berühmtheit sich ungerechterweise auf das „One hit wonder“, „Die Moldau“, zurückführen lässt. Mit tiefer Einfühlung zeichnen sie den Lebensweg des Komponisten nach, der letztlich in die Taubheit führt.
In der Biografie vieler Quartette findet sich, wie bei den Fibonaccis, als wichtiger Impulsgeber der ehemalige Primarius des Alban Berg Quartetts, Günter Pichler. Wer einmal miterleben durfte, wie Pichler mit jungen Quartetten arbeitet, an jedem Ton feilt, sie sanft und bestimmt auf dem Bogen der musikalischen Fibonacci-Spirale entlangführt, versteht, warum diese Quartettformationen oft besonders erfolgreich sind. Auch die Fibonaccis sind es. Sie haben zahlreiche Preise errungen, vor allem sowohl den ersten als auch den Publikumspreis beim Premio Paolo Borciani International String Quartet Competition in Italien (2024). Wer sie hört, beginnt mit ihnen zu atmen. Das Publikum dankt ihnen dieses Erlebnis mit stürmischem Applaus und Bravorufen. Die Fibonaccis treten in große Fußstapfen, erinnern mitunter an das Artemis Quartett in seiner ersten Zusammensetzung. Dem Goldenen musikalischen Schnitt kommen sie bei diesem Konzert erfreulich nahe.
Ulrike Bauermeister-Bock